Vinicio Bastidas - Zeichnungen

Das Anonyme Wesen. Vinicio Bastidas

Von Isabel Cadevall

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Zeit und Identität

Die Menschen bewegen sich in zwei Dimensionen: Raum und Zeit. Kant definiert den Raum als Existenzkreis der Dinge, der sich in der Simultaneität offenbart, während die Zeit die Reihenfolge des Geschehens ist (1). In der Relativitätstheorie von Einstein finden die Begriffe von Raum und Zeit eine neue Definition: sie stehen für die Beziehung zwischen Objekten oder Phänomenen und der Bewegung, die sowohl geradlinig als auch kreisförmig ist.

Raum und Zeit sind also unumgänglich, um die Erscheinung des Ichs und die dazugehörige Umstände zu begreifen: Raum und Zeit, Mensch und Umstände sind der Ursprung der Identität jedes einzelnen, die der Mensch mit sich selber und mit der Welt in Verbindung setzt. Ab hier stellt der Mensch seine Identität aus seinem Inneren heraus dar, unter Berücksichtigung der äußeren Antriebe: laut Ortega y Gasset getaltet sich mein Ich in der Begegnung mit der Welt, ausgehend von seinen Forderungen.

“Das Tiefste im Menschen ist die Haut”   |   Paul Valéry

Meine erste Begegnung mit den Bildern Vinicio Bastidas war eine Überraschung, die sich bald in eine lebhafte Anregung verwandelte, weil sie einen fruchtbaren Dialog mit dem Künstler hervorbrachte, wo die Fragen und die Antworten aufeinander folgten. So entstand die Idee dieses Textes.

Die Evolution und die Suche sind typische Elemente des kreativen Prozesses. Es handelt sich dabei um eine tiefe innere Erfahrung, die dem Künstler erlaubt, ein eigenes Bild zu zeigen, die wiederum ein Spiegelbild und eine Äußerung seiner Zeit ist. Dazu nutzt der Künstler die Sprache der anderen, bis er seine eigene findet; danach äussert er sich in einem Dialekt aus der allgemeinen Sprache. So verwandelt sich seine eigene Sprache… (2).

Vinicio Bastidas bewegte sich von einem Ort zu einem anderen und kam so in Kontakt mit unterschiedlichen kulturellen Anforderungen, ohne jemals seinen Ursprung zu vergessen. So entsteht das Dilemma eines Künstlers, der sich zwischen dem Eigenen und dem Fremden entscheiden muss. Um diese Zerbrechlichkeit zu verarbeiten, begibt sich Bastidas in sein tiefstes Ich und erlaubt so die Rückkehr und die Neufestlegung seiner Identität, von seinem Gedächtnis ausgehend. Das Gedächtnis ist eine Bewegnung, die immer aus der Gegenwart heraus ausgeht. Eigentlich entsteht sozusagen das Gedächtnis aus den Bedürfnissen, den Fragen und den Dringlichkeiten der Gegenwart, schreibt Derrida. Der Künstler muss sich nun von der geradlinigen Bewegung verabschieden, die sich in eine kreisförmige Bewegung verwandelt. Die Rückkehr zum Ursprung ist gleichzeitig das Ende eines Wegs und der Beginn eines neuen.

Die Bilder auf Papier aus der Serie “Das Anonyme Wesen” enthalten sowohl Betrachtungen über die Verwundbarkeit des Menschen in seiner Umgebung als auch über den Verlust des ursprünglichen Standortes und somit über die Verwandlung der eigenen Identität.

Bastidas ist ein Erzähler, er erzählt uns eine Geschichte, seine Geschichte als Ich-Erzähler der Beziehung zwischen Mensch und Gesellschaft.

Die visuelle Darstellung dreht sich um die Bilder, die aus dem menschlichen Körper entstehen. Da der Körper eine geschlossene, in sich vollkommene Form ist, wird er in den Werken Bastidas ausgestellt; Fragmente des menschlichen Körpers setzten sich einer Vielfalt von Gegenständen entgegen, die sich multiplizieren und so an Prozesse der Serienanfertigung erinnern. Sinnbild der Konsumgesellschaft und kritische Überlegung zugleich: sich gut zu benehmen heisst, viel zu konsumieren. Die Struktur des zentralen Raums der Bilder besteht aus unterschiedlichen Elementen: Objekten, Linien, Worten, die Verbindungen mit den Informationen schaffen, die der Zuschauer erhält, und die ihn dazu zwingen, seine eigene Zeit und Raum zu veranschaulichen.

Epilog

Das Problem, dem sich jeder Künstler in seiner Laufbahn stellen muss, und wofür er unbedingt eine Lösung finden muss, ist nicht, wie er sich besser der Geselllschaft und ihren Konventionen anpassen kann, sondern im Gegenteil ist es, wie er sich erfolgreich von Ihnen lösen kann. A. Hauser

Isabelle Cadevall © April 2010
Unabhängige Kuratorin

 

(1) Howard Gardner (1994) Strukturen des Geistes. Die Theorie der multiplen Intelligenzen. FCE, Mexiko.
(2) A. Hauser Fundamente der Kunstsoziolgie. Ediciones Guadarrama, Madrid, 1975.

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